Deutsche Industrie flüchtet ins Ausland – Jobs und Forschung wandern ab
Juliane SontagDeutsche Industrie flüchtet ins Ausland – Jobs und Forschung wandern ab
Die deutsche Industrie verlagert Produktion und Forschung mit zunehmender Geschwindigkeit ins Ausland. Hohe Kosten, Bürokratie und Energiepreise zwingen Großkonzerne dazu, ihre Aktivitäten auf internationale Märkte zu verlagern. Gleichzeitig steigen die Stellenstreichungen in der Branche weiter an.
Zölle und Handelsbarrieren treiben Unternehmen dazu, eine „Produktion vor Ort für den lokalen Markt“-Strategie zu verfolgen. Damit soll das Risiko von Lieferkettenunterbrechungen verringert werden – ein Problem, das mittlerweile als größte betriebliche Gefahr gilt. Viele Firmen entwickeln zudem neue Produkte direkt in China, um die dortigen Märkte besser zu bedienen.
Fast die Hälfte der befragten Unternehmen plant, mehr Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten in globale Regionen zu verlagern. Rund 40 % der Investitionsbudgets bis 2030 bleiben zwar in Deutschland, doch fließen sie vor allem in die Instandhaltung bestehender Anlagen und in die Automatisierung. Neue Kapazitäten und Arbeitsplätze entstehen hingegen vermehrt im Ausland.
Die Arbeitskosten in Deutschland liegen 22 % über dem EU-Durchschnitt und sind mehr als doppelt so hoch wie in Asien oder Osteuropa. Nur 16 % der Unternehmen wollen ihren Personalbestand in Deutschland ausbauen – eine ähnliche Zurückhaltung zeigt sich in Westeuropa. Stattdessen setzen die Firmen auf Wachstum in Indien, China, Nordamerika, dem Nahen Osten und Afrika.
Der Arbeitsmarkt spiegelt diese Entwicklung wider: Bis Ende des ersten Quartals 2026 hat die deutsche Industrie 127.300 Stellen abgebaut – ein Rückgang um 2,3 % im Vergleich zum Vorjahr. Seit 2019 summiert sich der Verlust auf 341.500 Arbeitsplätze. Der Chemiekonzern Evonik etwa plant, zusätzlich 3.200 Stellen zu streichen, vor allem in Deutschland, nachdem bereits seit 2024 2.800 Verwaltungsstellen abgebaut wurden.
Der Trend zeigt eine klare Hinwendung zu Automatisierung und internationaler Expansion. Fast jedes befragte Industrieunternehmen will bis 2030 seine Präsenz in Indien ausbauen und erwartet dort ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 4 %. Neue Arbeitsplätze werden jedoch kaum entstehen, da die Unternehmen stärker auf Technologie als auf Neueinstellungen setzen.
