DDR und jüdisches Erbe: Wie der Staat seine Geschichte verweigerte
Ein neues Buch von Philipp Graf untersucht das gespannte Verhältnis der DDR zu ihrem jüdischen Erbe. „Verweigerte Erinnerung“ beleuchtet, wie die antifaschistischen Ideale des Staates oft mit der Realität von Antisemitismus und geschichtlicher Auslöschung kollidierten. Die Arbeit wirft zudem ein Licht auf Halberstadt, eine Stadt, in der die einst blühende jüdische Gemeinde zwischen 1938 und 1942 systematisch vernichtet wurde.
Die jüdische Bevölkerung Halberstadts wurde in der NS-Zeit ausgelöscht. Die Synagoge wurde zerstört, und bis 1942 waren die letzten Juden deportiert. Jahrzehnte später, 1949, entstand auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei der Stadt eine Gedenkstätte. Ursprünglich als Ort des Gedenkens konzipiert, wurde sie 1969 zu einer Stätte politischer Gelöbnisse umgestaltet und später als militärisches Lager zweckentfremdet.
Die DDR erkannte offiziell kein jüdisches Kulturerbe an – trotz der Beiträge jüdischer Künstler. Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker, beide jüdischen Glaubens, veröffentlichten dort Werke wie „Die Bilder des Zeugen Schattmann“ und „Jakob der Lügner“. Die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati, die 1952 in die DDR übersiedelte, wurde nach dem Sechstagekrieg zensiert und aus den Medien verdrängt – bis in die 1970er-Jahre hinein.
Graf argumentiert in seinem Buch, dass alte Analysemethoden aus den Jahren 1949 und 1989 helfen könnten, modernen Antisemitismus – ob von rechts oder links – zu begegnen. Der Verkauf der Halberstädter Rathauspassagen 2018 löste antisemitische Untertöne aus, wonach die Stadt „an die Juden verscherbelt“ werde, und zeigt, wie tief die Vergangenheit noch nachwirkt.
Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde Halberstadts bleibt eine schmerzhafte Mahnung unbewältigter Geschichte. Grafs Forschung hinterfragt den antifaschistischen Gründungsmythos der DDR und plädiert dafür, historische und aktuelle Formen des Antisemitismus mit klarerem Blick zu konfrontieren. Sein Buch unterstreicht, wie dringend es ist, sowohl die Lehren der Vergangenheit als auch die Herausforderungen der Gegenwart anzugehen.






